Interview – Reiseunternehmer Vural Öger zur Lage in der Türkei: "Ich bin tief enttäuscht von Ergodan"

Der Gewinner des Reisesommers 2014? Steht noch nicht fest, aber es gibt einen klaren Favoriten: die Türkei! Zweifel an einer großartigen Saison bestehen kaum noch, aber es gibt einen "kleinen" Risikofaktor – politischer Art. Sein Name: Recep Tayyip Erdogan. Hauptberuf: Ministerpräsident der Türkei. Der "Gewinner" der jüngsten Kommunalwahlen könnte einen düsteren Schatten auf das Tourismus-Geschäft werfen

Türkei:

Der Gewinner des Reisesommers 2014? Steht noch nicht fest, aber es gibt einen klaren Favoriten: die Türkei! Zweifel an einer großartigen Saison bestehen kaum noch, aber es gibt einen "kleinen" Risikofaktor – politischer Art. Sein Name: Recep Tayyip Erdogan. Hauptberuf: Ministerpräsident der Türkei. Der "Gewinner" der jüngsten Kommunalwahlen könnte einen düsteren Schatten auf das Geschäft mit den Urlaubern werfen: Erdogan ist – vor allem außerhalb der Türkei – mehr als nur umstritten. Politische Turbulenzen und Negativschlagzeilen wie Twitter-Verbot und Demokratie-Einschränkungen könnten auch den Tourismus beeinflussen. Doch zu den Risiken kritisch Stellung beziehen, das will aktuell kein touristischer Branchenvertreter in der Türkei.

 Wirklich offen sagt niemand seine Meinung zum "Fall Erdogan"? Falsch: Vural Öger spricht! Und wie: Der langjährige EU-Abgeordnete (SPD) und seit Januar „V.Ö. Travel“-Chef (gemeinsam mit seiner Tochter Nina) redet Klartext – wie immer. Der Hamburger mit türkischen Wurzeln zeigt sich enttäuscht von Erdogan, den er einst unterstützte und heute mit tiefer Enttäuschung begegnet.  Ein Gespräch über die aktuelle Lage in einem der wichtigsten Reiseländer der deutschen Urlauber – und ein Blick in eine ungewisse politische Zukunft. Denn touristisch gibt es wenig Zweifel, wie Vural Öger feststellt: "Die Deutschen reisen immer, Hauptsache die Sonne scheint!" Vural Öger kennt sich aus…

 The Reception Insider // Wie geht es Ihrem Twitter-Account?

 Vural Öger: Ich weiß, was Sie hören wollen. Aber: Ich habe keinen Account in der Türkei. Ich twittere über meinen deutschen Account. Also trifft mich das Türkei-Verbot nicht direkt. Aber das Thema interessiert mich natürlich als gebürtigen Türken. Das ist gar keine Frage!

 Ihre Hauptsorge?

 Die türkische Gesellschaft ist tief gespalten. Er will 45% Zustimmung für seine Politik haben, egal mit welchen Mitteln. Er weiß, oder er meint zumindest, dass er mit 45% der Stimmen überall und zu allen Themen eine absolute Mehrheit erreichen kann, weil die anderen Parteien untereinander zersplittert sind. Es geht allein um die Zementierung dieser Stimmenanteile!

 Türkei: Haman - Bad

Ins Schwitzen gekommen: Die politische Lage bedroht das Geschäft mit den ausländischen Besuchern.


Um das Ziel zu erreichen, geht Erdogan rigoros gegen politische Gegner oder gesellschaftliche Einflüsse wie Twitter und Youtube vor.

 Absolut! Schauen Sie mal: Kurz nach der Wahl hat das Meinungsforschungsinstitut IPSOS, eines der größten in der Türkei, eine Umfrage unter den AKP-Anhänger (Anmerkung: Die AKP ist die Regierungspartei unter Erdogan) gemacht. Die Frage lautete etwa: „Haben die Skandale und Bestechungsvorwürfe gegen Erdogan Sie in der Wahlentscheidung beeinflusst?“ Wissen Sie die Antwort?

 Nein, Sie werden mich aber gleich überraschen!

 Kurz gesagt: 95% der AKP-Wähler interessieren sich gar nicht für die Korruptionsvorwürfe bzw. für die Beschneidung der demokratischen Freiheiten.

 Angriff auf die Etablierten: Vural Öger (2.v.r.) startet mit seiner Tochter Nina (2.v.l.) den Türkei-Anbieter "V.Ö. Travel.

Angriff eines "alten Hasen": Vural Öger (2.v.r.) startete mit "V.Ö. Travel" vor wenigen Wochen einen neuen Türkei-Anbieter. Mit dabei u.a.: seine Tochter Nina (2.v.l.). Nach turbulentem Start zeigt sich der Hamburger mit türkischen Wurzeln nun optimistisch.

Es mag Europa vielleicht nicht passen, aber: Politisch sitzt Herr Erdogan fest im Sattel.

 Ja sicher! Die AKP hat acht Millionen Mitglieder. Dazu kommen deren Frauen und Kinder. Das ist schon eine Menge. Und Erdogan hat alle Anschuldigungen immer verneint. Das ist beim Wähler angekommen.

 Trotzdem: Die Wahl hatte einen klaren Sieger. Die Wirtschaft und damit auch Investoren sind allerdings verunsichert. Hat die Lage Auswirkungen auf den Tourismus?

Schatten über dem land: Dunkle Wolken ziehen über die Küste bei Antalya.

Dunkel Schatten: Über die Küste von Antalya ziehen schwarze Wolken auf.

 Ich sehe zur Zeit keinen negativen Einfluss. Viele deutsche Urlauber interessieren sich nicht für die politischen Verhältnisse in der Türkei. Es gibt Unterdrückung, aber keine Unruhen. Hauptsache der Preis stimmt. Mein Gott, so ist der Tourist halt. Es gibt viele Länder, wo die Leute unterdrückt werden. Trotzdem fahren die Deutschen dorthin.

 Neulich titelte ein touristisches Fachblatt „Türkei: Hoteliers befürchten verheerende Folgen“. Aber namentlich wollte sich dann kein Hotelier zitieren lassen. Auch die (Tourismus)-Branche scheint eingeschüchtert.

 Herr Hinze, Sie kennen mich seit 20 Jahren. Ich bin ein Mensch, der immer offen redet! Ich lasse mir von niemanden das Reden verbieten. Wenn 100 Leute dagegen sind, vertrete ich trotzdem mein Gewissen und meine Überzeugung.

 Dann sagen Sie doch mal Ihre Meinung über Herrn Erdogan.

 Türkische Mittelmeerküste: Hotels so weit das Auge reicht

Und ewig grüßt der weiße Strand: Die türkische Mittelmeerküste bei Antalya.

Gern. Ich war derjenige der Erdogan jahrelang, auch im europäischen Parlament, unterstützt hat! Ich habe seine Reformen sehr hochgelobt. Aber heute wird doch klar: Die Türkei besteht nicht nur aus bäuerlichen Schichten, aus Immigranten aus Anatolien oder aus bildungsfernen Schichten. Nein, es gibt so etwas wie ein Bürgertum in der Türkei. Eine urbane Gesellschaft. Nur leider interessiert sich Herr Erdogan für diese städtische Gesellschaft überhaupt nicht. 55% der Menschen fühlen sich durch seine Politik nicht vertreten.

 Sind Sie enttäuscht vom Ministerpräsidenten?

 Natürlich, sehr enttäuscht. Seine ganzen Einschränkungen und Verbote der sozialen Netzwerke und Medien entsprechen nicht meinem sozialdemokratischen Weltbild.

 Ihr Lieblingsthema „Türkei und EU“ dürfte sich damit erst einmal erledigt haben. Mal ehrlich: Viel weiter entfernt von diesem Ziel als heute, das geht doch kaum?

 Die Türkei ist dabei, sich seit den Gezi-Protesten im Juni 2013 rapide von den europäischen Werten zu entfernen! Selbst in politisch sehr instabilen Ländern wie Ägypten oder autoritär geführten Staaten wie dem Iran, ist der Zugriff auf Twitter oder YouTube nicht untersagt. Wenn ein Land wie die Türkei, das offiziell mit der EU über einen Beitritt verhandelt, aber soziale Medienkanäle schließen lässt, dann verstößt das gegen die Werte der Meinungsfreiheit, und die sind in einer Demokratie die Grundvoraussetzng.

 Und touristisch hat die Entwicklung wirklich keine Folgen?

 Ich sehe zumindest keine Auswirkungen. Wirtschaftlich gibt es sogar aktuell einen Aufschwung. Die Börse hat deutlich zugelegt. Die Lira hat an Wert gewonnen, ist aber immer noch mit einem Kurs von 3:1 sehr attraktiv. Die Nebenkosten sind also äußerst günstig.

 … und Ägypten schwächelt touristisch, das hilft ja auch immer der Türkei.

 Ja, natürlich.

 

Mit Trend gegen den Trend: Designhotels wie das "Hotel SU" in Antalya sollen auch junge Gäste anlocken

Antwort auf den Design-Trend: Mit Hotels wie dem "Su" bei Antalya will die Türkei auch ein jüngeres, individuelles Reisepublikum ansprechen.

 Könnte also auch für den Unternehmer Vural Öger ein guter Sommer werden. Aber wie läuft ihr neuer Reiseveranstalter „V.Ö. Travel“ wirklich?

 Wir sind seit ein paar Tagen gut buchbar und ich bin mit den Entwicklungen zufrieden. Obwohl wir so spät an den Markt kamen, haben wir unsere Osterflüge vollbekommen.

 Kritiker sagen, Sie werden sich im hart umkämpften Türkei-Markt schwertun. Ihre Prognose für das Premierenjahr von „V.Ö. Travel“?

 Kann ich noch nicht abgeben. Rufen Sie mich in zwei bis drei Monaten wieder an, dann weiß ich mehr. Wir bleiben auf jeden Fall optimistisch.

 Also dann bis Mitte Juli. Es dürfte ziemlich spannend werden bis dahin – politisch und touristisch. Vielen Dank für das Gespräch.


 Interview: Peter Hinze (The Reception Insider)

   THE RECEPTION INSIDER arbeitet unabhängig und ohne jegliche finanziellen Zuwendungen bzw. Sponsoring aus der Tourismusindustrie. Sollten Beiträge aufgrund von Einladungen entstehen, so wird dies deutlich gekennzeichnet. Die Berichterstattung wird dadurch jedoch in keiner Weise beeinflusst. Aufgrund dieser Unabhängigkeit erhält dieser Blog sehr wenige "Likes" oder "Links" aus der Tourismusindustrie, da Unternehmen nur positive Beiträge mit ihren Firmenseiten verlinken und so die Blog-Berichterstattung in Deutschland extrem stark nach ihren Bedürfnissen und Ansprüchen kontrollieren. Sollte Lesern dieser aktuelle Post gefallen, würde sich THE RECEPTION INSIDER über eine Verlinkung bzw. Weiterempfehlung freuen. Nur so lässt sich eine objektiv-kritische Berichterstattung über die Tourismusbranche sichern.

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