Shanghai Marathon: Vorsicht! China läuft davon

Die Marathonklassiker lauten Berlin, New York oder Frankfurt. Vorbei! Exotik ist immer gefragter: Wer sportliches Neuland sucht (und vor nichts zurückschreckt), startet in China: Jeweils Anfang Dezember startet der Shanghai Marathon. Kein Lauf für starke Zeiten und schwache Nerven. . .

Shanghai: Wahnsinn Marathon

 Es ist nicht der „Lange Marsch“. Es ist nur ein Marathon. Es sind keine 12 500 Kilometer. Es sind nur 42 195 Meter, die auch nicht quer durch das „Land der Mitte“ führen, sondern durch die weltoffenste Stadt Chinas: Es ist der Shanghai Marathon.

Trotzdem weckt die Atmosphäre kurz vor dem Start zum populärsten City-Marathon des Riesenreiches chinesische Geschichte wach. Am Bund, der historischen Prachtstraße der Stadt, wehen rote Fahnen über dem Läufer-Volk, während kreischend die chinesische Nationalhymne aus veralteten Lautsprechern dröhnt. „Millionen Herzen schlagen für einen Gedanken...Marschiere voran, marschiere voran“ lautet eine der Textpassagen.

 An diesem Dezember-Morgen kurz vor 7.00 Uhr gibt es keinen Zweifel: Landestypischer kann die Einstimmung kaum sein, während der Wind eisig über den Huangpu-Fluß weht. China liebt die patriotische Inszenierung – Shanghai macht da keine Ausnahme.

 26 000 Starter drängen sich zu Füßen des legendären Peace Hotels, wo seit fünf Jahrzehnten die „Old Men Jazzband“ jeden Abend aufspielt. Die Mehrzahl der Läufer versucht sich über 7,5 Kilometer im „Fun Marathon“, der hier seinen Namen alle Ehre macht, denn ganze Fabrikbrigaden, Schulklassen oder Universitätssemester gehen gemeinsam an den Start.

 Das Feld beim Marathon ist dagegen deutlich überschaubarer: Knapp 6000 aus 66 Nationen wagen das Abenteuer. „50 Prozent mehr ausländische Starter“, wird der Veranstalter später schwärmen. Vor allem weil Japaner und Koreaner in Scharen kommen, schließlich ist das Marathonabenteuer hier vergleichsweise günstig zu haben. Die Zahl der “Lao Wie“, der Langnasen, zu denen wir an diesem Morgen gehören, ist dagegen mehr als gering. Nicht einmal 200 westliche Sportler sind an die chinesische Ostküste gereist. Kein Wunder, denn China ist im internationalen Laufkalender der Stadt-Marathons kein wirkliches Highlight. Lediglich einige Rennen, die die geschichtsträchtige Chinesische Mauer im Norden mit einbeziehen, erfreuen sich in der ersten Jahreshälfte globaler Aufmerksamkeit. Ansonsten bleiben die Lauf-Genossen eher unter sich.

 „Der Osten ist rot“ tönt es bei jeder Zugeinfahrt durch die Bahnhöfe der Volksrepublik. An diesem Morgen ist der Osten aber auch kalt, bitter kalt sogar. Nur wenige Grad über Null zeigt das Thermometer. In der politischen Theorie sind in China alle Menschen gleich. So lautete zumindest einst die Maxime. Mittlerweile haben sich die Zeiten geändert. Nur beim nicht Marathon! Für den Beginn des Shanghai Marathons bedeutet dies: Es darf gedrängelt werden!

 Bisherige persönliche Bestzeiten, die weltweit für eine überschaubare Startaufstellung sorgen und einen halbwegs geordneten Lauf auf den ersten Kilometern garantieren, spielen heute keine Rolle. Und für die Chinesen bedeutet dies unisono: „Genossen, lasst uns alle direkt an der Startlinie Aufstellung nehmen!“  Es gilt also die Nerven zu behalten. Zumal sich die Lage nicht nur eng, sondern beängstigend chaotisch darstellt.

7.30 Uhr. Der Start. Die Erlösung. Doch bei uns „Langnasen“ reift die irritierende Erkenntnis: Wir stehen in der falschen Aufstellung! Fun-Marathon statt Marathon. Vielleicht lag es an der sehr chinesischen Beschilderung. Es dauert gut 20 Minuten, so dicht und lang ist der Strom der ehrgeizigen Spaß-Sportler, bis wir endlich auf die richtige Straßenseite wechseln und gegen 7.50 Uhr auf der Strecke sind.

Die ersten Kilometer führen über den Bund. Hier Koloniale Architektur als Erinnerung, auf der anderen Uferseite des Huangpu-Fluss, ragen dagegen die Ikonen der Neuzeit und des wirtschaftlichern Aufschwungs in den nebeligen Morgenhimmel: Pudong, wo das Herz des neuen Chinas schlägt.

Die Straßen sind breit, vierspurig; doch die Aussicht, schnell seinen entspannten Laufrhythmus zu finden, schwindet schnell. Stattdessen wird deutlich: Das massive Drängeln am Start gehörte eindeutig in die Kategorie „Vortäuschung falscher Tatsachen“. Bereits nach drei Kilometern machen sich bei etlichen (Marathon)Läufern Konditionsschwächen bemerkbar, die nicht selten auf falsche Ausrüstung zurückzuführen sind: unter anderem auch Hausschuhe und Pyjama.

Im hinteren Feld birgt der Shanghai Marathon nicht nur ungeahnte Einblicke in die chinesische Sportwelt, die Jahrzehnte lang vor allem durch frühmorgendliche Tai-Chi-Übungen oder Schwerterkämpfe geprägt war. Sondern offenbart auch die landesübliche Schwäche für permanentes Kommunizieren: Immer wieder bleiben Läufer abrupt mitten auf der Strecke stehen und greifen zum Mobiltelefon. „Ni Hao“ – „Hallo“ an die Freunde daheim. Und nur keine Eile, Langnase!

Kurz vor Kilometer 4 fällt das Starterfeld endgültig auseinander. Es ist der Anstieg zur Nanpu-Brücke, der im Morgendunst Höhepunkt und Härtetest miteinander vereint. Kaum ein anderer Lauf weltweit wird eine gigantischere Brückenkonstruktion in seinem Profil ausweisen können. Zeit für einen Fotostopp, der nicht nur wegen der sportlichen Herausforderung atemlos macht. Knapp 50 Meter tiefer ziehen überladene Frachtkähne Richtung Südchinesisches Meer. Schwindel erregend.

 Wenig später, auf der anderen Flussseite, fällt die Strecke in das Gewirr grauer Boulevards ab. Vor schmucklosen Wohnsilos hängt Wäsche auf langen Bambusstangen. Sonntagmorgen in Shanghai. Kein Grund zur Euphorie. Und so folgt dem Höhepunkt mit der Nanpu-Brücke ein tiefer Blick in chinesische Großstadt-Tristesse, die sich kaum aufheitert als bei Kilometer 17 das EXPO-Gelände aus dem Jahr 2010 auftaucht. Hinter langen Zäunen schlummern die Überreste der Mega-Ausstellung. Der deutsche Pavillon „Balancity“, eine auf dem Kopf stehende rote Pyramide, hat zumindest Haltung bewahrt. Zu neuem Leben wird er kaum erweckt werden.

 Wie gigantisch die EXPO gewesen sein muss, spüren die Sportler an diesem Morgen noch einmal: Allein sechs Kilometer führt die Strecke über den EXPO-Boulevard, eine schnurrgerade Straße, an der vereinzelt abkommandierte Betriebsgruppen im Rentneralter stehen und Fähnchen schwenkend den Läufern zu jubeln. Ansonsten ist die Stimmung unterkühlt, was nicht am Wetter liegen kann, denn Shanghai strahlt nach etlichen Regentagen mittlerweile in winterlich-mildem Sonnenlicht.

Es mag abwechselungsreichere Parcours geben, doch zum Klagen besteht wenig Grund. Der Shanghai Marathon ist bestens organisiert. Das war nicht immer so: Noch vor wenigen Jahren  unterbrachen rote Ampeln das Rennen. Es musste bis zur nächsten Grün-Phase gewartet werden. Diese Zwangsstopps gehören der Vergangenheit an, auch wenn man ab Kilometer 34 dem Autoverkehr ziemlich nahe kommt. Auf knapp sieben Kilometern verläuft die Strecke unterhalb einer Autobahnhochbrücke. Wie idyllisch wirkte dagegen doch der EXPO- Boulevard, denkt sich das Langnasen-Trio.

Vorbei an improvisierten Sonntagsmärkten geht es Richtung Ziel – vergessen sind das Gedränge am Start, geblieben ist das Erlebnis auf der Nanpu-Brücke. Nach 3:57 Stunden hat das Laufabenteuer ein Ende, etliche Fotostopps inklusive. Ein Kenianer namens „Willi“, so die Lokalpresse am nächsten Tag, war bereits nach 2:10,21 Stunden da. Er wird als reicher Mann nach Afrika zurückkehren – uns bleibt eine einmalige Erfahrung mit einem perfekt organisierten Einlauf: kein Gedränge, kein Schlange stehen. Einfach nur in Ruhe den letzten süßen Tee trinken – und atemlos Staunen: Denn die ersten „Hausschuh“-Läufer sind auch längst angekommen. Marathon in China ist einfach ein Wahnsinn – und eine exotische Herausforderung zugleich. . .

Autor: Peter Hinze (The Reception Insider)

 Produktionshinweis: Der Beitrag ist unabhängig und ohne logistische oder finanzielle Unterstützung von touristischen Anbietern produziert worden. Ebenso ist keine PR-Agentur an der Recherche beteiligt bzw. hat die Produktion unterstützt. In anderen Fällen nennt "TRI" Namen und Art der Unterstützung bzw. mögliche Partner.

Der Beitrag erschien in ähnlicher Form in SonntagAktuell (Stuttgart)

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