Tourismus-Experte Karl Born zum Urlaubsland Türkei:
"Es wird Zeit für einen Reise-Boykott!"

Die Zahl der deutschen Türkei-Urlauber bricht ein. Ein Ende der Krise ist nicht in Sicht.
Ex-TUI-Vorstand Karl Born über einen Reise-Boykott, die gefährliche „Heile-Welt-Idylle“ der Tourismusbranche, über deutsche Urlauber, die im Notfall kaum auf Hilfe aus Berlin hoffen können, und weshalb eine Pressekonferenz der Tiefpunkt der ITB 2017 werden könnte

Türkei-Tourismus: Boykott nur noch eine Frage der Zeit

 Das Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei nähert sich aktuell fast täglich einem neuen Tiefpunkt. Die Politik ist alarmiert, zeigt sich aber noch immer "gelassen", fordert den Dialog, streitet über Redeverbote türkischer Politiker in Deutschland – und mahnt zur Besonnenheit. Das freut die deutsche Tourismusbranche, die Alarmsignale bislang fast ausnahmslos überhört. Frei nach dem Motto: Alles wird schon wieder gut, das war doch immer so.
 Doch diesmal könnte es längerfristige Auswirkungen geben. In den Monaten November 2016 bis Februar 2017 brach die Zahl der deutschen Türkei-Urlauber bereits um rund 50 Prozent ein. Nach einer GfK-Studie im Auftrag der Branchenzeitschrift FVW Medien geben mittlerweile 50% der Befragten an, sie würden nie in die Türkei verreisen (im November 2016 waren es noch 42%). Türkei-Urlaub wird immer mehr zu einem gesellschaftlichen Tabu! Und damit hat die Türkei ein neues Problem: Internationale Urlauber bilden die wichtigste Einnahmequelle des wirtschaftlich bereits angeschlagenen Landes.
 Und wie reagieren die großen deutschen Reiseveranstalter? Sie reagieren wie immer und äußern sich nur sehr zurückhaltend über die aktuelle Lage. Ein Reiseboykott ist für TUI & Co. kein Thema, denn schließlich weiß man aus Erfahrung: Der deutsche Urlauber hat kein touristisches Langzeitgedächtnis. Wenn der Preis wieder stimmt, dann kehrt er zurück, Hauptsache die Sonne scheint.
 Ganz so optimistisch sieht Karl Born, Tourismus-Experte und ehemaliger TUI-Vorstand, die Situation nicht. "Die Lage ist diesmal brisant. So etwas hatten wir bislang noch nie, in keinem Reiseland der Deutschen!" Und alles könnte noch viel schlimmer kommen, warnt der Ex-Manager aus Hannover im Interview.

Peter Hinze // Ich kann auf mindestens elf Türkei-Reisen zurückblicken.

Karl Born // Ich habe meine Reisen nicht gezählt. Aber ich habe immer öffentlich bekannt: Die Türkei ist ein sehr schönes Reiseland.

Aktuell ist Euphorie aber fehl am Platz!

Ich sage in aller Deutlichkeit: Für mich wäre die Türkei zur Zeit das allerletzte Zielgebiet, in dem ich Urlaub machen würde. So demonstrativ gegen Urlaub war ich zuletzt bei Südafrika, während der Apartheid-Politik. Aber bei der Türkei rate ich nun schon seit Wochen von Reisen ab. Vehement, ja sogar sehr vehement! 

Ist es wirklich so abwegig, zumindest über einen Boykott nachzudenken?
Früher lautete mein Credo: Wo die Kanzlerin mit Wirtschaftsdelegationen hinfahren darf, darf auch der deutsche Tourist hinfahren. Warum sollte der Tourist moralischer sein als die Kanzlerin?

Früher? Das heißt, aktuell haben Sie ihre Meinung geändert?


Karl Born: Reiseboykott für die Türkei nur eine Frage der Zeit
Tourismus-Experte Karl Born: Gute Stimmung in der Türkei aktuell ein Fremdwort

Ja, weil ich einen verschärften Grund sehe – und der heißt „Erdogan“! Ein Attentat ist immer „nur“ eine punktuelle Gefahr, aber die „Gefahr Erdogan“ ist inzwischen flächendeckend. Meines Erachtens ist es nur eine Frage der Zeit, bis es die ersten Hotelmanager trifft. Oder auch „versehentlich“ deutsche Touristen. Früher hätte das Auswärtige Amt bei einer Verhaftung sofort alles in Bewegung gesetzt, um den Urlauber in kürzester Zeit frei zu bekommen. Auf eine solche Initiative des Auswärtigen Amtes oder sogar der Kanzlerin kann man aktuell nicht hoffen. Dem „Flüchtlingsdeal“, der nicht gefährdet werden darf, würde auch ein „touristisches Einzelschicksal“ untergeordnet werden *. Mit der Verhaftung des Journalisten Deniz Yücel ist jedoch ein vergleichbarer Fall jetzt wahr geworden. Und die Reaktion der Kanzlerin („bin besorgt, hoffe auf ein rechtstaatliches Verfahren“) darauf war katastrophal schwach.

Na ja, die Tourismusbranche zeigt sich nicht viel engagierter. In einer Pressemeldung des Deutschen ReiseVerband (DRV) wird DRV-Chef Norbert Fiebig mit der Aussage zitiert: „„Die Sicherheit auf Reisen spielt für viele Kunden eine ganz zentrale Rolle. Gerade die Krisensituationen in der letzten Zeit haben wieder deutlich gemacht: „Die Reiseveranstalter und Reisebüros kümmern sich um den Kunden, wenn’s ungemütlich wird“. Hallo? Ist das alles, was ein „angeblich“ so wichtiger Verband zur aktuellen Lage zu sagen hat? Das klingt irgendwie weltfremd, zumal die Heute-Show (ZDF) den Gouverneur von Antalya, also der Touristenhochburg, mit den Worten zitierte: Wer nicht Erdogan wählt, der ist ein Terrorist!

Der DRV verweist immer auf andere Länder mit Diktaturen und man könne doch dann nirgends mehr hinfahren. Dabei wird die aktuelle Entwicklung in der Türkei vollkommen falsch dimensioniert. Nirgendwo anders war die Schussfahrt von der Fast-Demokratie in die Diktatur so schnell wie in der Türkei. Nirgendwo anders wurden in einem kurzen Zeitraum so viele Journalisten eingesperrt wie in der Türkei. Nirgendwo anders wird so massiv zum Denunzieren aufgefordert. In keinem anderen Land beschimpfen Politiker Deutschland heftiger als ein faschistisches Land, indem Menschenrechte mit Füßen getreten würden. Wer glaubt, dass das keine Rückwirkungen auf die Denkweise vieler Türken selbst hat, der soll weiterträumen.

Reisen in die Türkei sind ein Sicherheitsrisiko?

Ja, ganz klar! Obwohl in Deutschland sehr viele Menschen an den Folgen des Rauchens sterben, wird der Verkauf von Zigaretten nicht verboten. Analog würde das für Türkei-Reisen heißen: Beim Verkauf von Urlaubsreisen in die Türkei muss ein „Beipackzettel“ dazu: „Vorsicht, die von Ihnen gekaufte Reise kann im Gefängnis enden“. Und im Kleingedruckten: „Sie können nicht darauf hoffen, dass Kanzlerin und Außenminister sich für Ihre Freilassung einsetzen“.

Viele Reisende werden sagen, wenn ich meinen Mund halte, kann mir auch in der Türkei nichts passieren. Sehen Sie das anders?

Den Unterschied macht die Aufforderung der türkischen Regierung zum Denunzieren aus. Das bedeutet es kommt auf die eigene Äußerung nicht an. Ein kleiner Streit über eine Nebensächlichkeit kann zu einer Denunziation führen. Ich rate deutschen Urlaubern zu höchster Vorsicht. Was außerhalb der Hotelanlagen passiert, kann unberechenbar sein.

ITB 2017: Türkei-Pressekonferenz als politischer TiefpunktDie Richtung für den Türkei-Tourismus auf der ITB 2017: Völlig unklar


Und die ITB? Könnte die Messe nicht ein Zeichen setzen, einen Dialog starten?

Die ITB hat sich in vielen Dingen gewandelt und fast ausschließlich zum Besseren. Viele aktuelle Probleme der touristischen Arbeit, denke ich vor allem an die Digitalisierung, werden da diskutiert. Nur eines hat sich auf der ITB nicht geändert, das Verbreiten der „Heile-Welt-Idylle“ und die Beschimpfung Andersdenker als Nestbeschmutzer.

Aber die touristische Fachpresse?

Habe gerade am Freitag in einer renommierten Tageszeitung gelesen: „Die Touristen kehren in die Türkei zurück“. Da muss es sich wohl um eine klassische „Fake News“ handeln.

Es kommt ja immer auch das Argument, man hätte Verantwortung für die im Zielgebiet beschäftigen Menschen und schließlich sei der Tourismus die wichtigste Einnahmequelle des Landes. Dabei ist ein solcher Satz ja heutzutage mehr ein tiefer Griff in die touristische Mottenkiste ist.

Ich war nach den Terroranschlägen zum Beispiel dafür, dass man trotzdem ans Rote Meer in Ägypten fahren soll um die heimische Tourismusindustrie und die dort Beschäftigten zu unterstützen. Aber in der Türkei würde ich dieses Argument nicht anführen. Wenn jetzt noch mehrere Politiker keine Redemöglichkeit bei uns bekommen, ist Erdogans Reaktion vollkommen unberechenbar. Dass er den Tourismus „schonen“ würde, dafür gibt es keine Zeichen. Wirtschaftsfaktor hin oder her, das ist ihm egal.

Am Donnerstag, 9. März, um 10.00 erlebt die ITB 2017 ihren „politischen“ Höhepunkt: Pressekonferenz mit dem türkischen Tourismusminister Nabi Avci, der selbst Journalist war und 1986 die Tageszeitung „Zaman“ mitbegründete, die bis kurz vor der Schließung 2016 als auflagenstärkste Zeitung der Türkei galt. Der Mann müsste sich also auskennen um Umgang mit der Presse. Was würden Sie sich für eine Aussage vom Minister wünschen?

Das wird kein politischer Höhepunkt sein, sondern der politische Tiefpunkt. Der Tourismusminister wird eine absurde heile Welt schildern, wie es auch der türkische Reiseverband in den letzten Monat getan hat. Aber was der Tourismusminister und der türkische Reiseverband sagen, hat ungefähr die Bedeutung wie der berühmte Sack Reis in China. Und der DRV wird anschließend verkünden, ist doch alles prima. Aber ich hoffe, dass jetzt auch in der Tourismusbranche eine stärkere Diskussion über dieses Thema einsetzt.

Herr Born, Sie sind und bleiben ein Optimist.

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Interview: Peter Hinze (The Reception Insider)

* (u.a. ähnlich formuliert in Borns Bissige Bemerkungen vom 25.7.2016)
 Karl Born: Der Mannheimer gilt als profiliertester Tourismusexperte in Deutschland. Von 1987 bis 2000 arbeitete Born für die TUI (ab 1992 als Vorstand). Von 2000 bis 2006 lehrte er als Professor an der Hochschule Harz in Wernigerode. Inzwischen machte sich Karl Born als einer der meistzitierten Tourismusexperten einen Namen. Born trat und tritt in zahlreichen Rundfunk- und TV-Nachrichtensendungen als Experte auf und schreibt regelmäßig eine Kolumne zum Tourismus unter dem Titel "Borns Bissige Bermerkungen".
Peter Hinze: Der Journalist arbeitete von 1992 bis 2011 für das Nachrichtenmagazin FOCUS, wo er die touristische Berichterstattung verantwortete. Heute schreibt der 59-Jährige als freier Autor.
 WER SICH FÜR DIE TÜRKEI INTERESSIERT, DER INTERESSIERT SICH VIELLEICHT AUCH FÜR EINEN RÜCKBLICK – EIN GESPRÄCH MIT DEM EHEMALIGEN REISEUNTERNEHMER VURAL ÖGER ÜBER DIE TÜRKEI UND ÜBER ERGODAN – KLICKEN SIE HIER.
Zur Reise

Kommentare (9)

  1. Walter Krombach:
    Mar.06.2017 um 09:16

    Boykott ist keine Lösung, jeder entscheidet in einem freien Land für sich selbst, wo er Urlaub macht. Der wohlfeile Hinweis, dass die Branche sich von Diktaturen in anderen Ländern nie hat abhalten lassen, sollte im Falle der Türkei differenzierter betrachtet werden: erstens, weil sich die Türkei von einer Demokratie mit Aussicht auf EU-Mitgliedschaft gerade in eine Diktatur zurückentwickelt, zweitens, weil die türkische Regierung aufgrund der starken, hierzulande lebenden türkischen Community sich in einer Weise gegenüber und in der Bundesrepublik aufführt, die für einen demokratisch gesinnten Bürger inakzeptabel sein sollte. Kann man als Deutscher wirklich noch "fröhlichen Urlaub" in einem Land verbringen, dessen an unverschämter Maßlosigkeit nicht mehr zu überbietender Staatspräsident, assistiert von seinen willfährigen Miinistern, ausgerechnet der Bundesrepublik Nazii-Methoden vorwirft? Wen das alles nicht juckt, nur weil's gerade besonders preiswert ist, der möge gerne reisen, wohin er will.

  2. Oli:
    Mar.06.2017 um 04:07

    Spannendes Interview. Was Erdogan in der Türkei abzieht und wie er sich in Bezug auf Deutschland erlaubt, das ist vollkommen inakzeptabel - auch wenn es dem Zeitgeist zu entsprechen scheint. Trotzdem bin ich mit den Schlussfolgerungen von Hernn Born nicht so ganz einverstanden.

    Erstens halte ich die dargestellte Gefahr für Touristen durch das System Erdogan für übertrieben. Denunziantentum hin oder her, aber wieso sollte die Regierung auf unbeteiligte Besucher losgehen und damit noch den Rest des Tourismus zerstören, den es noch im Land gibt. Das ergibt für mich keinen Sinn. So etwas macht nicht mal Nordkorea. Für Journalisten (und vielleicht sogar Blogger) sieht die Lage natürlich anders aus.

    Zweitens halte ich von Aufrufen zu Reiseboykotten generell wenig. Sie dienen bestenfalls zur Beruhigung des eigenen Gewissens. Dem Land tut man damit aber kein Gefallen, da ganz einfach die Falschen getroffen werden. Zudem hat die Geschichte zwei Dinge immer wieder gezeigt: Massenarbeitslosigkeit und Wirtschaftskrisen sind kein Nährboden für Demokratie und Druck von Aussen ist das grösste Geschenk für Diktatoren, die das Volk auf einen gemeinsamen äusseren Feind einschwören wollen.

    Ich kann jeden verstehen, der derzeit nicht in die Türkei will. Auch bei mir kommt das Land momenat nicht in Frage. Aber plakative Boykottaufrufe sind mir persönlich etwas zu populistisch.

    Gruss,
    Oli

  3. Walter Krombach:
    Mar.07.2017 um 09:22

    Spannend dürfte noch sein, wie lange der DRV nach der peinlich-kurzfristigen Absage 2016 am leichtfertig versprochenen Tagungsort 2018 Kusadasi festhält (bzw. festhalten muss). Unter Erdogan wird sich bis.dahin die Lage zum letzten Jahr kaum erändert haben - im Gegenteil! Dr 16.04.2017 könnte für die Türkei der (deutsche) 30.01.1933 werden.

  4. Rainer Drephal:
    Mar.07.2017 um 04:42

    Prof. Born hat vollkommen recht, als früherer airtours Mitarbeiter kann ich diesen Aufruf nur unterstützen. In der Erdogan Türkei kann kein Mensch 2017 einen erholsamen Urlaub verbringen. Da traut sich ja kein Urlauber an der Bar einmal sich politisch zu äußern, da muss man gleich mit Verhaftung rechnen. Die Reiseveranstalter müssen jetzt ein Zeichen setzen!

  5. Rainer Drephal:
    Mar.07.2017 um 04:42

    Prof. Born hat vollkommen recht, als früherer airtours Mitarbeiter kann ich diesen Aufruf nur unterstützen. In der Erdogan Türkei kann kein Mensch 2017 einen erholsamen Urlaub verbringen. Da traut sich ja kein Urlauber an der Bar einmal sich politisch zu äußern, da muss man gleich mit Verhaftung rechnen. Die Reiseveranstalter müssen jetzt ein Zeichen setzen!

  6. Heinrich Schöttner:
    Mar.07.2017 um 09:16

    Ich bin da zu 100% der Meinung von Karl Born.
    Guter Artikel.
    Sehr gut sogar!

  7. Kirsten Stolz:
    Mar.08.2017 um 10:09

    Interessant hierbei die Frage - zigfach gestellt - wie politisch ist Tourismus? Und was wird auch mit Nordzypern?

  8. Jenny:
    Mar.15.2017 um 05:48

    Peinlich dass Herr Born überhaupt bei TUI gearbeitet hat! Mit ein wenig logischem Denken sollte er wissen, dass der Boykott die falschen Menschen treffen wird. Sie sind Tourismusexperte oder Politiker? Schuster, bleib bei deinem Leisten!

  9. Heinrich Stiller:
    Mar.21.2017 um 10:55

    Die Türkei ist ein schönes Land mit netten Bürgern, Habe 1988 da Urlaub gemacht, es war in jeder hinsicht schön. Meine nicht deutsche Frau möchte auch mal in die Türkei. Ich sage nein, fühle mich durch die Nazi Vorwürfe persönlich angegriffen und beleidigt. Ich bin 67 Jahre alt und und habe mit Nazis und Rechten nichts im Sinn!!!!! Die Türkei ohne Demokratie gehörz nicht in die EU. Kein Propagander Veranstalltungen in Deutschland!!!!!

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