"Blogs sind aktuell sehr sexy": Marina Noble (noble kommunikation) über Reisejournalisten, Blogger und eine Branche im Wandel

Die touristische PR-Welt sucht nach einem neuen Weg – im Verhältnis von klassischen Reisejournalisten und aufstrebenden Reisebloggern. Es geht um Einladungen und Veröffentlichungen, um Geld und Einfluß. Wer sitzt also demnächst im Flieger in die Ferne? Marina Noble von "noble kommunikation" über eine Annäherung von Journalisten, die umdenken müssen, und Bloggern, die zwar sexy sind, aber kaum Geld verdienen

Interview: PR-Frau Marina Noble über Reisejournalisten und Blogger

 Wem gehört die Zukunft in der Reiseberichterstattung? Geht für den klassischen Reisejournalisten bald das Licht in der letzten Redaktion aus? Oder ist der Hype um die Reiseblogger nur ein Sturm im deutschen PR- und Medienwald?

 Marina Noble könnte eine Antwort auf die wichtigsten Fragen wissen, denn: Die journalistische Reisewelt kürte Nobles PR-Agentur „noble kommunikation“ in den letzten vier Jahren jeweils zur „Touristik PR-Agentur des Jahres“.

 Die Frau aus Franken, die in Rheinland-Pfalz wohnt und in Hessen arbeitet, scheint einen besonderen „Sense“ für die Branche zu haben. Zudem gilt sie als äußerst bodenständig und zuverlässig in ihrer Arbeitsweise und scheut sich selten auch unkonventionelle Ideen umzusetzen. Beste Voraussetzungen also für ein Gespräch über eine Branche im Wandel.


 THE RECEPTION INSIDER // Man hat fast den Eindruck, erfolgreiche PR hat einen Namen. Sorry, ich meine diesmal nicht „noble kommunikation“. Nein: Wer aktuell auf einer erfolgreichen PR-Welle schwimmen will, der muss mit Bloggern gut können. Alle wollen mit den neuen Lieblingen in einem Boot sitzen. Doch noch weiß niemand, wo das Boot überhaupt hinsteuert. Gehört den Bloggern wirklich die Zukunft?

 MARINA NOBLE // Eines ist ganz klar: Die Grenzen zwischen Print und Blogs verwischen immer mehr. Da ist Facebook, bislang eine Domäne für die Blogger, ein gutes Beispiel. Hier finden sich in letzter Zeit auch immer mehr „klassische Journalisten“, die über ihre Reisen und ihre Arbeit berichten und posten.

 Kein Wunder, denn der klassische Reisejournalismus im Printbereich ist doch so gut wie mausetot?

 Nein! Auf keinen Fall. Es wird schwerer, der Einzelne muss sich mehr als früher von der Masse absetzen.

 Leicht gesagt, schwer zu erreichen. Vor allem im Blogbereich: Kritiker bemängeln, viele Blogger hätten vielleicht eine solide Berufsausbildung, sind nicht selten Rentner oder Hausfrauen, aber würden kaum über einen redaktionellen oder journalistischen Background verfügen.

Shopping in Macau: Eine typische Szene aus der Welt der Reisejournalisten

Shopping in Macau – ein Thema für Reisejournalisten und Blogger gleichermaßen

 Viele Blogger haben gar nicht die Absicht und den Hintergrund, um mit dem Bloggen Geld zu verdienen. Beim klassischen Reisejournalist ist und war es viel mehr Beruf, mit dem Geld verdient werden muss. Einfach auch, um zu überleben. Dies ist vielleicht einer der wenigen Unterschiede zwischen beiden Gruppen.

 Aber vom Schreiben kann man heute kaum noch leben. Und vom Bloggen kann man noch lange nicht leben.

 Es geht darum verschiedene Standbeine zu haben. Und da sind die Grenzen zwischen Reisejournalisten und Bloggern gar nicht so groß. Ich bin sicher: In Zukunft werden diese Unterschiede noch wesentlich geringer werden. Es wird wichtig sein, eine eigene Marke zu haben und zu kreieren. Da haben natürlich die neuen Medien noch Nachholbedarf, vor allem weil sie zum großen Teil erst kurz auf dem „Markt“ sind. Und „klassische Journalisten“ müssen erkennen, dass sie mit ihrem Namen durchaus auch eine Marke sein können, die in dem Blogbereich Erfolge erzielen kann. Ganz gleich, ob sie auf einer Website oder einem Blog kommunizieren. Fakt ist doch: Immer mehr „klassische Journalisten“ entdecken das Bloggen.

 Hobby-Schreiber kontra Berufs-Schreiber. Das klingt nicht gerade spannend. Aber, was macht einen guten Blog aus?

 Das ist wie bei den Printmedien auch: Es ist interessant, wenn eine gewisse Reichweite vorhanden ist. Aber große Auflage ist nicht alles. Wichtig ist zudem, ob ich als PR-Agentur meine Zielgruppe erreiche. Die drei wichtigen Kriterien in der Zukunft lauten: fundierte Informationen, Glaubwürdigkeit und real erlebte Situationen. Und seien wir ehrlich: In diesen drei Bereichen unterschieden sich die Anforderungen an beide Gruppen kaum.

 Versuchen wir mal die Bedeutung der Blogger für eine PR-Agentur zu erfassen. Ich schätze: Eine gute Agentur hat 1500 – 2000 Journalisten-Kontakte in der Kartei.

 Mehr! (lacht)

Franken - Kunde bei "noble kommunikation"

Alte Liebe: Mit dem Kunden Franken verbindet Marina Noble mehr als nur ein PR-Etat.

Okay, dann 2000. Davon sind 1000 „Karteileichen“. Bleiben noch 1000 übrig.

Nee also, so geht’s ja nicht. Als Touristik-PR-Agentur wird man ja oft in die Schublade gesteckt, wir würden nur mit Reisejournalisten oder gar nur mit der Fachpresse zusammenarbeiten. Das stimmt nicht. Unsere Kontaktzahl ist doch viel höher. Zum Beispiel arbeiten wir für „SeaWorld" mit Tiermedien zusammen. Der Bereich Lifestyle wird immer wichtiger. Auch Kulinarik. Zwei Bereiche, die unseren Kunden Macau stark betreffen.

Trotzdem: Eine rein touristische PR-Agentur ist doch ein Auslaufmodell – oder?

Nein! Es gilt vielmehr und viel stärker, touristische Themen so zu verpacken, dass sie auch für andere Ressorts interessant sind. Das gleiche gilt übrigens auch für Journalisten: „Die Reise“ findet nicht mehr nur im Reiseteil statt. Es gilt andere Ressorts zu erobern. Ein gutes Beispiel: Roland Mischke hatte neulich eine sehr gute Dubai-Geschichte in der „Welt am Sonntag“. Thema: Die Architektur der Hochhäuser in Dubai.

Ich versuche es weiter: 1000 Kontakte bleiben übrig. Davon sind 800 schreibende und 200 bloggende Kollegen?

Sehr viele Blogger wollen ja gar keine Pressemitteilungen. Also müssen wir da auch wieder differenzieren. Ein Verteiler, der Pressemitteilungen bekommt, ist ja wieder etwas ganz anderes als ein Verteiler für Einladungen auf Reisen. Unterm Strich: Wir arbeiten mit Bloggern zusammen, aber im ganzen Spektrum der Multiplikatoren in der Reisebranche – von Redakteuren in Print, Radio, TV und Online bis hin zu freien Journalisten aus den verschiedenen Spezialgebieten – machen reine Blogger bisher einen kleinen Prozentsatz aus..

Danke, diese Zahl veranschaulicht die Bedeutung. Ich bin zufrieden. Und Sie sind sicher mit den 30% zufrieden, denn die Blogger sind ja so etwas wie die Rettung der PR-Branche. Würden Sie zustimmen?

Aber bitte! Das klingt ja fast so, als wenn Blogger Lückenbüßer wären.

Nein. Aber sie erschließen eine neue, hilfreiche Zielgruppe. Denn klassische Journalisten bekommt man doch immer seltener auf eine (längere) Pressereise.

Marina Noble - Inhaberrin von "noble kommunikation" in Neu-Isenburg

 Die PR-Agentur "noble kommunikation" ist auf die Touristik spezialisiert. Zu ihren Kunden gehören Fremdenverkehrsämter, Hotels, Themenparks, Kreuzfahrtmarken, Ferienparks und Spezialanbieter (u.a. im Hausboot-Sektor). Die Agentur ist inhabergeführt mit Sitz in Neu-Isenburg und wurde seit 2010 viermal in Folge als "Touristik PR-Agentur des Jahres" ausgezeichnet. Der Link zur Homepage von "noble kommunikation".


 Das ist richtig. Ja, es ist schwieriger, Journalisten für eine Pressereise zu gewinnen. Aber es gibt immer mehr neue „Special Interest-Magazine“, die Nischen bedienen, und so auch neue „Abnehmer“ bilden. Das gilt ähnlich für Blogs: Wenn sie Nischen bedienen, dann haben sie am ehesten Erfolg. So wie im Bereich Kreuzfahrten, wo zum Beispiel ein Franz Neumeier (Link zur Homepage von Cruisetricks) überaus weit und etabliert ist. Noch ein anderes Beispiel: Wir machen jetzt eine Aruba-Reise, da fährt Jörg Baldin von „Breitengrad53“ (Link zur Homepage von Breitengrad53) mit. Da passt es einfach vom Mix.

Sie wagen auf Aruba den Mix: Journalisten und Blogger! Alle Achtung, denn voll im Trend liegen reine Bloggerreisen.

Das sehe ich nicht so. Wir haben bislang keine reinen Bloggerreisen oder Bloggerworkshops veranstaltet. Ich denke, Journalisten und Blogger „vertragen“ sich durchaus auch auf einer gemeinsamen Reise.

Das sehen aber vor allem Blogger ganz anders.

Na ja, dies ist auch Beleg für die unterschiedlichen Philosophien der Blogger. Aber es gibt einen interessanten Beitrag auf der Plattform für deutschsprachige Reiseblogger (PDRB), danach ist wichtig: Das touristische Unternehmen sollte den Blog kennen. Die Einladung sollte zum Blog passen. Das Thema sollte zum Blog passen. (Link zur kompletten Geschichte auf PDRB).

Okay. Habe ich notiert. Aber: „Where is the news?“. Wir sprechen doch von drei Selbstverständlichkeiten, die nicht der großen Rede wert sind.

Richtig. Ich lade doch zu einem Kulinarik-Thema auch nicht ein Sport-Magazin ein. Wir sehen also: Beide „Welten“ ticken ganz ähnlich. So sehr unterscheiden sich klassische Medien und Blogs also gar nicht. Aber: Blogs sind aktuell sehr sexy. Vor allem seit die TUI Blogger auf ihre Programmvorstellung eingeladen hat. Das war ja für sich schon ein großes PR-Thema. Und noch ein Beispiel: Es ist doch albern, wenn ich höre, Blogger müssten immer WLAN haben. Das versuchen wir längst für alle Reisen, denn auch ein traditioneller Journalist ist doch bei Facebook, twittert oder steht mit seiner Redaktion per Email in Kontakt. Die Grenzen zwischen beiden Gruppen weichen längst auf. Das Anforderungsprofil wird immer ähnlicher. Es ist auch Quatsch, dass Blogger bräuchten viel mehr Zeit auf Reisen für Ihre Recherche. Die Reise wie früher „Hier rein in den Bus, dort raus aus dem Bus“, die gibt es doch gar nicht mehr. Unsere Pressereisen sind ganz häufig von individuellen Wünschen und Vorlieben bestimmt.

Vielleicht gibt es auch bei den Abhängigkeiten, die vor allem von den Blogger oft verneint werden, gar nicht so große Unterschiede. Früher war es doch so: Wenn der Redakteur Hinze etwas nicht so nettes geschrieben hatte, dann griff die PR-Agentur oder der Einladende gern mal zum Telefon, rief in der Redaktion an und beschwerte sich. Gut war dabei immer das Argument, „Anzeigenstop“. Das Problem stellt sich bei Blogs nun wirklich nicht, denn geschätzt 98% der Posts sind positiv. Auch irgendwie überraschend. Und wenn es mal nicht mehr so ist?

Wir bewegen uns doch alle in einem Zwiespalt. Wir halten alle die journalistische Freiheit hoch. Aber aufgrund der Situation, dass wir alle überleben müssen, befinden wir uns in einer finanziellen Situation, das allen – klassische Journalisten und Blogger – ohne die Unterstützung mit einem Flug, einem Hotel oder einer anderen Leistung das Arbeiten (also das Reisen) überhaupt nicht möglich wäre. Da ist ganz klar eine Diskrepanz zwischen journalistischer Freiheit und einem fairen Geben und Nehmen.

Aruba - Karibik

Aruba: Die Karibikinsel ist PR-Kunde von "noble kommunikation" – und demnächst Ziel einer gemeinsamen Pressereise

 Beim Reisejournalisten wusste eine PR-Agentur zumindest früher, was Sie bekommen konnte: Zum Beispiel eine ganze oder eine halbe Seite plus Foto. Was ist Ihre Maßeinheit für einen Blogger? Was wollen Sie und was können Sie Ihrem Kunden versprechen?

 Noch sind Online-Zahlen ganz schwierig und nicht zuverlässig verfügbar. Ein Vorteil dabei ist für die Blogger, dass sie besser nachweisen können, dieser Artikel wurde auch geklickt. Beim Print bedeutet ja die Reichweite nicht unbedingt, dass der Artikel auch gelesen wurde.

 Machen wir es doch konkret: Pressereise Macau – Auto-Rennen. Fünf Blogger sollen dabei sein. Welche wählt die „noble kommunikation“ aus?

 Es gilt bei mir generell: Ich nehme lieber jemand mit auf Pressereise, den ich kenne. Denn derjenige muss vor allem auch gruppentauglich sein.

Mit dem Kennen wird bei Bloggern schwierig, denn sie sind ja noch relativ neu in der PR-Branche.

 Ja, aber wir lernen uns ja gerade besser kennen. Und: Die Blogger suchen auch ganz bewusst den Kontakt zu uns. Das ist auch ein sehr wichtiger und richtiger Weg. Bei Bloggern taucht immer häufiger der Hinweis auf „Diese Reise wurde unterstützt von...“. Das ist ebenfalls ein richtiger Weg.

 Eine noch engere, werbliche Zusammenarbeit dürfte ja bei Blogs schwierig werden, denn Blogs berufen sich oftmals auf ihre „völlige Unabhängigkeit“. Hier beginnt vielleicht schon die erste Grauzone.

 Natürlich ist bei solchen Darstellungsformen auch der Leser gefragt: Über manche Bloggeschichten freue ich mich als PR-Frau sehr. Als normaler Leser sind manche Geschichten aber vielleicht etwas grenzwertig. Trotzdem: Wenn es nun einmal die persönliche Erfahrung ist, dann muss und kann ich dies auch so akzeptieren. Es bleibt natürlich ein kleines Fragezeichen „im Hinterkopf“, ob es vielleicht eine Einladung oder eine Kooperation war. Das kann ich nicht verhehlen.

Schönes Reiseziel für alle – die 12 Apostel im australischen Bundesstaat Victoria

Schönes Reiseziel für alle – die "12 Apostel" im australischen Bundesstaat Victoria

 Wie sieht die Arbeit von „noble kommunikation“ mit beiden Gruppen in fünf Jahren aus?

 Ob in fünf oder in zehn Jahren, dass kann ich nicht sagen. Aber: Es wird keinerlei Unterschied mehr geben. Beide Gruppen, klassische Reisejournalisten und Blogger, werden sich vollkommen „vermischt haben“. Wichtig wird nur ein Kriterium sein: Glaubwürdigkeit! Der User will Orientierung, und dafür stellt er seinen ganz persönlichen Informations-Mix zusammen.

 Aktuell gibt es rund 300 Reiseblogs in Deutschland. Wie viele werden nächstes Jahr noch existieren?

 Der Knackpunkt wird sein: Wie viele können davon leben? Nur 13% der Blogger verdienen über 1000 Euro im Monat, besagte neulich eine Studie.

 Interessanter wäre zu wissen, wer verdient über 3000 Euro. Denn nur ab einer solchen Summe kann man wohl davon sprechen, „vom Bloggen zu leben“.

 Ich denke, da gibt es nicht sehr viele.

 Vielleicht zwei oder drei Prozent, schätze ich mal. Ich hoffe, diese wenigen Blogger sind alle unter den Kontakten von „noble kommunikation“. Vielen Dank für das Gespräch.

Gespräch: Peter Hinze (The Reception Insider)

Fotohinweise: Aruba Tourism Authority, Tourismusverband Franken e.V., MGTO, Tourism Victoria, Peter Hinze

Zur Reise

Kommentare (2)

  1. Claus Blohm:
    Sep.13.2013 um 08:55

    noble gehört nun nicht gerade zu den Blogger freundlichen Agenturen, Anfragen werden nur selten beantwortet. Ebenso sind die Zahlen wohl weit hergeholt,Es ist heute überhaupt kein Problem mehr mit dem richtigen Mix im Blog Geld zu verdienen. Blogger sind für Agenturen eher unbequem weil Sie sich nicht so steuern lassen wie klassische Medien. Hier eine Anzeige da ein Artikel...

  2. IN EIGNER SACHE:
    Sep.20.2013 um 07:35

    Leider ist es bei den Kommentaren zu diesem Interview zu einer Kontroverse gekommen, die sich nicht auf das Interview selbst bezieht. Vielmehr ging es vorrangig um Beleidigungen und Schuldzuweisungen gegenüber PR-Agenturen und unter Reisebloggern. Dies sind aber nicht die Inhalte des Interviews. Allein aus diesen Gründen habe ich die betreffenden Kommentare nicht online gestellt. Es handelt sich dabei aber nicht um die Zensur anderer Meinungen oder die Ablehnung von Kritik. Der Autor.

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