ITB 2013: Reiseland Ägypten zwischen Risiko und "Bikinis are still welcomed"

Ägypten ist aktuell eines der spannendsten (Reise-)Länder weltweit. Ägypten ist zugleich für die deutsche Reiseindustrie einer der wichtigsten Wachstumsmotoren weltweit. Und Ägypten wird immer stärker geprägt von Gewalt, politischem Terror und fundamental-islamischer Wertehaltung. Genug Gründe für THE RECEPTION INSIDER, um auf der ITB 2013 Hisham Zaazou, Ägyptens Tourismusminister, zu fragen: Wie vertragen sich liberaler Tourismus und die fundamentale Muslimbruderschaft? Die Antwort könnte in den nächsten Monaten zum Skandal werden, denn das Land ist auch touristisch unberechenbar.

ITB 2013: Ägypten, die Muslimbruderschaft und der Tourismus

Ich habe auf der ITB, der weltgrößten Reisemesse, gelernt: Als Blogger musst Du viel persönlicher werden.

Na denn, los geht’s: Seit über 20 Jahren laufe ich im März über die ITB in Berlin. Mindestens zehnmal habe ich in dieser Zeit die Pressekonferenzen des ägyptischen Tourismusministeriums besucht. Wiedersehen gab es da jedoch nie zu feiern, denn das Haltbarkeitsdatum dieser Minister ist noch geringer als bei den Fußball-Trainern von Schalke 04. Das heißt: Wir sprechen über Monate ­– nicht über Jahre.

2012 trat Abdel Nour wie ein Sonnenkönig auf. Ägypten war Partnerland der ITB und die ITB-Manager taten alles, um den Partner kritiklos im prallen Sonnenlicht zu präsentieren. Wenige Wochen nach dem Auftritt trat Nour seine "letzte politische Reise" an. Aufwiedersehen. Wo sich Nour in den politischen Wirren des Landes derzeit aktiv aufhält, ist nur schwer zu ermitteln. Minister ist er jedenfalls nur noch a. D.. Aber sein Trost: damit ist er ja nicht allein.

Dieses Jahr darf Mr. Zaazou das Podium füllen – und er kommt schnell auf den Punkt: Es sind die Journalisten, die durch ihre falsche Berichterstattung dem Land schaden - massiv und absichtlich. „Mein Land hat eine Million Kilometer Küste. Aber diese Journalisten berichten nur über einen Kilometer rund um den Tahrir Platz in Kairo.“

MINISTER ZAAZOU ÜBER JOURNALISTEN, KONTERATTACKEN UND SEINE "WAHRHEIT":

Ägypten ist weit weg, mag mancher sagen. Doch Ägypten möchte ganz nah sein – und könnte demnächst schon am nächsten Bahnhof glänzen: Die Heimat der Pharaonen startet eine Video-Kampagne, um das wahre Bild und die wahre Lage im Land zu zeigen. So gibt es demnächst Live-Webcams auf riesigen Videowänden, die in vielen deutschen Großstädten, den unbeschwerten Alltag der Ägypter in Luxor, Aswan, Sharm el Sheikh und Hurghada zeigen soll. Oder wie sagt Minister Zaazou: "We will show the real Egypt!“ Da dem Ministerium bislang aber das Thema "Datenschutz" fremd war, könnte die Kampgane auch in den stillen Gewässern des Nils davonplätschern –  die Chancen für einen Flop stehen nicht schlecht.

Der Test in Berlin jedenfalls funktioniert – inklusive einiger Bikini-Trägerinnen unter ägyptischer Sonne, die mit größeren nackten Körperstellen glänzen. Schön an zu sehen, ist ja auch Urlaub. Doch da wird es nun interessant: Wird da nicht die Muslimbruderschaft argwöhnisch?

Es geht um die Muslimbruderschaft, die jüngst noch erwägte, getrennte Strände für Frauen und Männer einzuführen, so schrieben es zumindest die bösen unter den bösen Journalisten. Vielleicht eine gute Gelegenheit mal nach der Zukunft für das Partnerschaftsmodell „westlicher Tourismus“ und „islamisch Muslimbruderschaft“ zu fragen. Also ergreife ich Wort – und Mikrofon: „Wie vertragen sich Tourismus westlicher Prägung und die Ansichten der Muslimbruderschaft?“ Und Minister Zaazou kontert – zugegebener Maßen unterhaltsam: „Bikinis are still welcomed in Egypt!“ Der Gag saß. Bei den Ägyptern. Wer den Hintergrund der Muslimbruderschaft in Sachen Tourismus in den letzten Monaten wahrgenommen hat, der weiß: Hier macht ein Minister gute Miene zur vielleicht bösen Zukunft. Denn, wenn es darauf ankommt, "pfeift" die Muslimbruderschaft auf einen Tourismusminister. 

Daran kann auch der Auftritt von Tarek Sahry, stellvertretender Vorsitzender des Schura-Rates und MP des salafistischen Nour-Partei, nichts ändern. Auch wenn seine Botschaft klar ist: „Wir unterstützen vollkommen den Tourismus in Ägypten." Interessant ist der Nachsatz: „Wir sind bemüht, das richtige Ambiente zu gewähren, damit die Touristen ihren Aufenthalt in unserem Land in vollen Zügen genießen können. Dies lässt genug Platz für Interpretationen.

Immerhin hatten die frommen Brüder mit Forderungen wie geschlechter-getrennte Strände oder Baden nur mit Bekleidung auf Aufsehen und Verwirrung gesorgt. Doch von deratigem Ungemach ist plötzlich nicht mehr die Rede. Alles ist in bester Ordnung und in gegenseitigem Frieden, so suggerieren zumindest unverholen die Herren Zaazou und Sahry. Ihre Worte sollte man in Erinnerung behalten, dienen sie doch in erster Linie allein dem Zweck, die deutsche Reiseklientel in vermeintlicher Sicherheit zu wiegen:

Die Aussagen wirken – das Publikum nickt zufrieden. Kein Wunder, denn es sitzen vor allem Ägypter im Saal London der Pressekonferenz. Und leider wenige Journalisten, nicht einmal solche, die es gut mit Ägypten meinen.

So ein spannendes Land – so wenig Journalisten aus der Reisebranche. Einer ist definitiv doch da und moderiert die Pressekonferenz "unabhängig" – dreister geht es kaum (Travel One, das war ein Meg-Flop). Aber auch die Überschrift in der FVW  "Ägypter sorgen für Aufatmen" ist wohl einem stressigen Messetag geschuldet. Wenn nicht, sollte ich über die Kündigung meines Abos nachdenken.

Aber die Fachpresse steht nicht allein still und starr vor dem Reise-PR-Giganten Ägypten. Auch die deutschen Reiseveranstalter stehen brav Schlange und lassen sich von Herrn Minister strahlend den "Award of Excellence" überreichen. Für herausragendes Engagement, so die Begründung. 

Nachträglich rechtfertigt zumindest FTI-Boss Dietmar Gunz seine Ehrung, wenn er heute (Montag, 11.März) in einem FOCUS-Interview zu möglichen muslimischen Einflüssen auf den Tourismus sagt: "Diese Diskussion ist meiner Ansicht nach absolut überzogen und auch ein wenig von den Medien provoziert." (Focus 11/13, Seite 126). Das freut Ägypten, bringt aber bislang kein Geld in die Kasse der deutschen Unternehmen. Über die Auslastung von Ferienfliegern Richtung Nil gab es auf der ITB teilweise katastophale Zustandsmeldungen. Übrigens hat Herr Gunz besonders viele Flieger unter Vertrag.

Gut zu wissen für so manchen Touristen: Eine objektive Gefahren- und Lageeinschätzung zum ägyptischen Tourismus dürften die Kunden bei den Unternehmen dieser PR-Veranstaltung kaum bekommen. Hoffentlich wird diese Fahrlässigkeit nicht eines Tages auf die Probe gestellt. Doch eines ist sicher: 2013 gehört Ägypten zu den unsichersten Reiseländern der Welt. Auch wenn uns die Ägypter etwas anderes erzählen – so wie seit Jahrzehnten. So wie immer also.

Autor: Peter Hinze (The Reception Insider)

Produktionshinweis: Dieser Beitrag ist ohne wirtschaftliche Hilfe, Zuwendung bzw. logistischer Unterstützung Dritter produziert worden. Es war keine PR-Agentur an der Produktion beteiligt.

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Kommentare (2)

  1. Jürgen:
    Mar.12.2013 um 07:12

    Lieber Peter, wir brauchen sicher nicht über die Erkenntnisdichte dieser denkwürdigen Veranstaltung diskutieren, aber deine Aussage, Ägypten gehöre zu den unsichersten Reisezielen, ist doch mehr als fahrlässig, nicht belegbar, und stimmt einfach nicht. Habe selbst gerade eine Woche dort recherchiert. Mit solchen kruden "Tatsachenbehauptungen" solltest du schin ein bisschen vorsichtiger sein...

  2. Peter Hinze:
    Mar.14.2013 um 04:10

    ÄGYPTEN FÜHRT EINE BÜRGERWEHR EIN.
    Absofort kann jeder Ägypter verdächtige Personen melden oder sogar verhaften. Es droht eine Art von Selbstjustiz. So berichtet zumindest ein touristischer Nachrichtendienst. Was sagt dazu wohl die "ausgezeichnete" deutsche Reiseindustrie. .
    http://www.tourexpi.com/de-eg/news.html~nid=72083

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